Schreibsand - Ein Nebenerwerb der Goldwäscher

03. Juni 2021 | Geschichte

Von Werner Lüthi, Burgdorf

Seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert wurde in Schreibstuben, Kanzleien und von Privatpersonen Schreibsand zum Trocknen der schreibnassen Tinte verwendet. Trotz der weitverbreiteten Anwendung des Schreibsandes ist in der zeitgenössischen Literatur über dessen Herstellung und seine Verwendung nur wenig zu finden.

Schreibsand war zunächst ein Gemisch von Knochen- und Holzspänen mit Quarzsand. Danach wurde fast ausschliesslich Schwermineralsand verwendet. Später kam gewöhnlicher Quarzsand, ergänzt mit dekorativen Sandarten wie Glimmersande und Blausande zur Anwendung.

Der in Schreibstuben verwendete Sand war meist ein Nebenprodukt der Goldwäscherei. Der beim Auswaschen des Goldes zurückbleibende dunkle Schwermineralsand wurde nicht weggeworfen, sondern gesammelt und als Schreibsand an Kanzleien verkauft. Das Pfund galt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 1-2 Batzen, was bis zu einem Drittel des täglichen Verdienstes eines Goldwäschers ausmachen konnte. Auch Franz J. Kaufmann hält im Beitrag zur geologischen Karte der Schweiz 1872 fest, dass der Erlös aus dem Verkauf des Sandes für die Goldwäscher nicht unbedeutend gewesen sei.

Die Goldwäscher aus dem luzernischen und bernischen Napfgebiet verkauften das entgoldete Waschkonzentrat als Schreibsand an die Obrigkeiten. Pfarrer Fetscherin aus Sumiswald, Kanton Bern, hielt 1826 im Manuskript «Versuch einer topographisch-statistischen Beschreibung der Kirchgemeinde Sumiswald» fest, dass sich der bescheidene Goldwäscherlohn mit dem Verkauf des ausgewaschenen feinen, rötlichraunen Sandes für Schreibsand aufbessern liess.

Im Kanton Solothurn wird in einer Konzession für Altrat Johann Josef Glutz 1720 zur Goldgewinnung beigefügt, dass als Entschädigung für das Recht unter anderm der «allhiesigen Canzlei auch jährlich einen halben Zentner gewaschener Sand abstatten und entrichten, welches im Bürgermeisterrodel geflissentlich eingeschrieben werden soll».

Auch am Oberrhein musste mancherorts mit dem Waschgold auch der Schwermineralsand den amtlichen Annahmestellen abgeliefert werden, die ihn dann an Kanzleien weiterverkauften. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verdienten Goldwäscher zum Teil mehr am Verkauf des Schwermineralsandes als am gewaschenen Gold.

Der Schreibsand wurde zuerst durch Apotheker oder Wanderkrämer verkauft. Im 19. Jahrhundert ging der Verkauf auf Buchbinder und später auf Papeteristen über.

Die Streusandbüchse oder auch Streubüchse war ein Utensil, das auf keinem Schreibpult fehlen durfte. Besonders in Schreibstuben, wo schnell und effizient Schriftstücke ausgestellt werden mussten, war eine schnelle Trocknung der Tinte wichtig. Auf das frisch ausgefertigte Schriftstück wurde dazu mit der Streusandbüchse feiner Schreibsand gestreut, der die Tinte aufsaugte und nach einer kurzen Trocknungszeit vom Papier geschüttelt bzw. geblasen werden konnte.

Die Streubüchsen waren normalerweise runde Büchsen aus Holz, Blech oder Keramik, die auf der oberen Seite mit kleinen Löchern versehen waren. Das Befüllen der Büchsen erfolgte in der Regel über diese Löcher.

In der 1840 erschienenen «Encyklopädie» von Dr. Johann Georg Krünitz riet dieser von der Verwendung von Streusand ab, da das Einatmen des Staubes zu Gesundheitsschäden führen könne. Besonders die Lungen seien durch trockenen Husten sowie die Augen durch Rötungen betroffen.

Im 19. Jahrhundert wird der Streusand langsam durch das Löschpapier abgelöst. Bereits im Brockhaus Konversations-Lexikon von 1827 wird es erwähnt. Aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdrängt das Löschpapier den Streusand.

Heute kann Streusand wertvolle historische Hinweise auf die Herkunft von Akten geben. So hat die Burgerbibliothek Bern im Rahmen eines Projektes zur Verpackung von Akten in alterungsbeständige Schachteln darauf geachtet, dass keine Eigenheiten eines Objektes verloren gehen. Bei gebundenen Archivalien, in welchen sich noch Schreibsand von der Trocknung der frischen Tinte vorfand, werden Proben davon in einem kleinen Umschlag gesammelt und dem jeweiligen Objekt beigefügt.

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